
Warum die Suche nach guter Osteopathie oft schwieriger ist, als man denkt
Diese Frage nach einem guten Osteopathen ist gar nicht so leicht zu beantworten, zumal ich selbst Osteopathin bin und damit ein Stück weit zwischen den Stühlen sitze. Auf der einen Seite liegt es mir am Herzen, Patienten mit gesundheitlichem Thema eine echte Orientierung zu geben. Auf der anderen Seite möchte ich meinen Physiotherapie und Osteopathie Kollegen gegenüber fair bleiben, denn Osteopathie ist ein breites Feld mit sehr unterschiedlichen Herangehensweisen. Aus diesem Grund möchte ich bei diesem Artikel objektiv bleiben, und weniger zu werten, als vielmehr zu erklären.
Lies hier mehr über: „was ist Osteopathie“
Osteopathie Ausbildung und Berufsbild
Wie werden Osteopathen (in Österreich) ausgebildet?
Der Weg zum Osteopathen führt in Österreich über eine abgeschlossene Ausbildung in Physiotherapie oder ein Medizinstudium. Darauf baut berufsbegleitend eine mindestens vier- bis fünfjährige Ausbildung auf. Diese wird an verschiedenen Schulen angeboten, allerdings unterscheiden sich in Qualität und wissenschaftliche Ausrichtung teils erheblich.
Im deutschsprachigen Raum gibt es viele Anbieter, aber nur wenige, die auf wissenschaftlich fundierte Grundlagen setzen und mit einem akademischen Abschluss wie Diplom, Bachelor oder Master enden. In Österreich sind aktuell nur drei Schulen von der Österreichischen Gesellschaft für Osteopathie (ÖGO) anerkannt:
- Wiener Schule für Osteopathie (WSO) – www.wso.at
- Internationale Akademie für Osteopathie (IAO) – www.osteopathie.eu
- Continuum Academy (seit 2025) – www.continuum-academy.com
Diese Schulen erfüllen definierte Qualitätsstandards, deren Lehr-Inhalt sich an europäischen Ausbildungsrichtlinien orientieren.

Exkurs: Osteopathie in Deutschland
In Deutschland ist die Situation etwas anders geregelt als in Österreich. Dort können auch außer Physiotherapeuten und Ärzten auch Masseure mit Weiterbildung in Manueller Therapie, Ergotherapeuten und bereits zugelassene Heilpraktiker eine Ausbildung in Osteopathie absolvieren. Allerdings darf die Osteopathie, selbst nach einem abgeschlossenen Studium, von anerkannten Physiotherapeuten nicht eigenständig ausgeübt werden, solange keine Erlaubnis nach dem Heilpraktiker-Gesetz vorliegt. Diese Zulassung ist notwendig, weil die osteopathische Tätigkeit als Heilkunde gilt und in Deutschland ausschließlich Ärzten oder Heilpraktikern vorbehalten ist.
Warum ist das so?
Wer Heilpraktiker werden möchte, muss eine staatliche Überprüfung beim Gesundheitsamt bestehen. Dabei wird insbesondere das Wissen in Differenzialdiagnose, Anatomie, Physiologie und Gesetzeskunde geprüft. Mit dieser Erlaubnis erhält der Heilpraktiker das Recht, Diagnosen zu stellen, Patienten im Erstkontakt zu behandeln und bestimmte invasive oder manuelle Methoden , etwa Akupunktur, Chiropraktik oder Injektionen, anzuwenden. Auch der Einsatz nicht verschreibungspflichtiger Naturheilmittel ist erlaubt.
Damit trägt der Heilpraktiker eine größere rechtliche und medizinische Verantwortung als beispielsweise ein Physiotherapeut, der ohne diese Zulassung arbeitet, bzw. „Weisungsgebunden“ ist. Gleichzeitig bietet ihm die Heilpraktiker-Erlaubnis einen größeren Handlungsspielraum, um eigenständig und ganzheitlich zu arbeiten.
Warum das wichtig ist
Der Beruf „Osteopath“ ist in Österreich nicht staatlich anerkannt. Das bedeutet: Jeder Physiotherapeut kann auf der eigenen Website schreiben, „osteopathisch“ zu arbeiten, unabhängig davon, ob tatsächlich eine vollständige Ausbildung abgeschlossen wurde oder nicht. Das führt leider dazu, dass das Berufsbild verwässert und Patienten schwer unterscheiden können, wer wirklich fundiert arbeitet. Manche Therapeuten besuchen einzelne Kurse, etwa zu cranio-sacralen oder viszeralen Techniken, und nennen das dann Osteopathie, obwohl es nur ein Bruchteil des eigentlichen Studiums ist.
Auch innerhalb der sogenannten „craniosacralen Behandlungen“ gibt es Unterschiede:
- In der osteopathischen Medizin werden craniosacrale Techniken von Ärzten oder Physiotherapeuten mit medizinischem Hintergrund angewandt.
- Im Wellnessbereich hingegen werden ähnliche Behandlungen oft von Masseuren angeboten. Sie zielen auf Entspannung, nicht auf medizinische Regulation.
Wenn also jemand beim Arzt von einer „osteopathischen Behandlung“ erzählt, bei der vor allem Energie geschickt wurde, oder bei der Techniken angewendet wurden, die weder nachvollziehbar erklärt noch spürbar etwas bewirkt haben, wundert es nicht, dass Ärzte dem Begriff Osteopathie mit gewisser Skepsis begegnen.
Wie kann ich die Qualität schon vor dem ersten Termin prüfen?

Gerade wenn man zum ersten Mal osteopathische Hilfe sucht, ist es gar nicht so einfach, seriöse Angebote von weniger fundierten zu unterscheiden. Einige Hinweise helfen, schon vor dem ersten Termin einen guten Eindruck zu gewinnen:
Website und Ausbildung prüfen
In erster Linie sind es Praxen für Physiotherapie oder Ärzte die Osteopathie anbieten. Eine seriöse Praxis stellt transparent dar, wo, wie und wie lange die Ausbildung absolviert wurde, idealerweise mit Prüfung oder Abschluss (z.B. Diplom, Bachelor, Master) und Angabe der Osteopathie Schule. Fehlende oder vage Angaben („Ausbildung in Osteopathie“) sind eher ein Warnsignal.
Erster Eindruck der Kommunikation
Schon beim ersten Praxis Kontakt, telefonisch oder per E-Mail, spürt man, wie sorgfältig jemand arbeitet. Wird Interesse am Anliegen gezeigt? Wird erklärt, wie eine Behandlung abläuft? Erhältst du Informationen zu Kosten, ärztlicher Verordnung oder anteiliger Rückerstattung durch die Krankenkasse? Ein professioneller Umgang fängt bei klarer, respektvoller Kommunikation an.
Zeit für Anamnese und Aufklärung
Ein guter Osteopath plant genügend Zeit ein, nicht nur für die Behandlung, sondern auch für Gespräch, Befundaufnahme und Aufklärung. Wird der Ersttermin mit 20 Minuten angegeben, ist Skepsis angebracht. Ausnahmen gibt es bei Behandlungen von Babys oder Kinder.
Fachlicher Austausch und Netzwerk
Qualitativ arbeitende Osteopathen pflegen oft den Kontakt zu Ärzten, Physiotherapeuten oder anderen Fachrichtungen. Das zeigt Verantwortungsbewusstsein und interdisziplinäres Denken. Sie kennen ihre persönlichen, gesetzlichen und fachlichen Grenzen und schicken im Zweifel weiter, zur Abklärung oder wenn eine andere Herangehensweise hilfreicher ist.
Ein Knie röntgen oder Blut nehmen können wir einfach nicht. Und manchmal hat ein Kollege eine Spezialisierung, die für diesen Patienten gewinnbringender ist, als die eigene Methode. In jedem Fall sollte die Gesundheit des Patienten im Vordergrund stehen.
Patientenbewertungen richtig lesen
Online-Bewertungen können Hinweise geben, aber achte darauf, was gelobt wird: Geht es um echte Veränderungen und gute Erklärungen, oder nur um „freundlich“, „angenehm“ und „gute Atmosphäre in der Praxis“? Letzteres ist nett, aber kein Qualitätsmerkmal für einen guten Osteopathen.
Eigene Wahrnehmung ernst nehmen
Schon beim ersten Kontakt zählt dein Bauchgefühl. Fühlst du dich ernst genommen, verstanden und ehrlich informiert? Darfst du Fragen stellen und selbst entscheiden, ohne Druck oder Beeinflussung? Dann bist du mit großer Wahrscheinlichkeit in guten Händen.
Woran erkennt man eine gute osteopathische Behandlung in der Praxis?
Der erste Termin

Schon die Erstbehandlung sagt oft viel über ihre Qualität aus. Eine seriöse osteopathische Sitzung startet immer mit einer gründlichen Anamnese, einem Gespräch über Beschwerden, Krankheitsgeschichte, Lebensgewohnheiten und mögliche Zusammenhänge. Hier sollten wichtige gesundheitliche Punkte abgefragt werden (z.B. Schwindel, Traumata, andere Krankheiten), um gegebenenfalls eine Behandlung auszuschließen.
Darauf folgt eine gezielte Untersuchung, bei der nicht nur schmerzenden Bereiche, sondern auch angrenzende Strukturen einbezogen werden. Wichtig ist auch: Der Osteopath holt sich deine Einwilligung zur Behandlung ein. Rechtlich sicher sind beide, wenn ein Behandlungsvertrag Osteopathie oder Behandlungsvertrag Physio abgeschlossen wird.
Wichtig ist hier auch die Dokumentation über die Befunde und auch über den Behandlungsverlauf, sodass nachvollzogen werden kann, was in den Behandlungen passiert und welche Auswirkung das gehabt hat. Oder auch um festzuhalten, ob unerwünschte Nebenwirkungen stattgefunden haben, wie Schwindel, vermehrte Schmerzen oder sonstige. Auch über erwartete Reaktionen sollte aufgeklärt werden.
Zur Qualität gehört auch die Dokumentation von Befunden, Behandlungsverlauf und möglichen Nebenwirkungen. Dazu zählt auch die Aufklärung über erwartete Reaktionen.
Außerdem sollten finanzielle Fragen (Kosten, mögliche Rückerstattung der Krankenkassen) vorab geklärt werden.
Während der Behandlung

Zur fundierten Patientenaufklärung gehört, dass erklärt wird:
- warum eine bestimmte Technik angewendet wird,
- was das Ziel der Behandlung ist,
- wie stark oder sanft die Anwendung sinnvoll ist.
Die Intensität hängt von den Strukturen, dem Behandlungsziel und dem Zustand des Patienten ab. Eine schwangere Frau wird zum Beispiel anders behandelt, als ein Patient mit Ischialgie. Entscheidend ist, dass diese Technik physiologisch begründet ist.
Eine verklebte Blase oder blockierte Rippe löst sich nicht durch reine Energie oder gute Gedanken, so wenig, wie sich ein Muskel entspannt, nur weil man ihn freundlich darum bittet. Es braucht gezielte, spürbare Arbeit mit Verstand und Gefühl, manchmal sanft, manchmal etwas bestimmter , damit der Körper wirklich reagieren kann.
Haltung und Kommunikation
Ein guter Osteopath arbeitet achtsam, konzentriert und respektvoll. Er beobachtet Reaktionen, passt die Technik individuell an, erklärt mögliche Nachwirkungen und gibt Hinweise, wie du den Heilungsprozess selbst unterstützen kannst (*).
Du darfst jederzeit Fragen stellen und solltest verständliche, logische Antworten erhalten. Bleiben Erklärungen vage oder beruhen ausschließlich auf „Energiefluss“ oder „Selbstheilungskräfte“, ohne körperliche Bezüge herzustellen, darfst du kritisch nachzufragen.
Verlauf und Therapieeinschätzung
Spätestens nach zwei bis drei Sitzungen sollte eine konkrete Hypothese über die Ursache deiner Beschwerden formuliert werden, also eine nachvollziehbare Erklärung, welche Strukturen oder Systeme beteiligt sind und wie ein weiterer Ablauf einzuschätzen ist. Erste Veränderungen sollten spürbar oder erklärbar sein.
Natürlich verläuft jede Behandlung individuell, aber der Fortschritt sollte offen kommuniziert werden, auch, wenn sich zeigt, dass ein längerer Prozess bevorsteht.
Ein Wochenrhythmus kann in der Regel Anfangs oft sinnvoll sein. Mit der Zeit können längere Abstände helfen, den Langzeiteffekt zu überprüfen.
Vertrauensbasis und Umgang

Am Ende einer guten osteopathischen Behandlung fühlst du dich verstanden, informiert und körperlich angenehm reguliert, nicht überfordert, verwirrt oder ratlos.
Wichtig ist, dass du das Gefühl hast, selbst entscheiden zu können. Situationen sollten offen und ehrlich erklärt werden, die erwartetes Ergebnisse sachlich und nachvollziehbar bleiben. Angst machen, Druck ausüben oder Bewertungen sind unprofessionell. Auch wenn man nicht immer hört, was man gerne möchte, ein guter Osteopath bleibt sachlich, respektvoll und klar.
Was einen guten Osteopathen ausmacht
Ein guter Osteopath …
- kennt seine medizinischen und rechtlichen Grenzen und überschreitet sie nicht,
- arbeitet evidenzbasiert, auf Basis von Anatomie, Physiologie und Erfahrung,
- erklärt verständlich, was er tut und warum,
- fördert Eigenverantwortung, indem er Patienten aufklärt und Tipps mitgibt,
- lässt eigener Entscheidungen treffen und informiert sachlich und ohne Wertung,
- reflektiert sein Handeln und bleibt flexibel,
- beobachtet Veränderungen bei jeder Behandlung neu,
- behält das Therapieziel im Blick und passt den Weg dorthin individuell an.
Kurz gesagt: Ein guter Osteopath arbeitet mit dem Körper, nicht gegen ihn, und bleibt dabei neugierig, respektvoll und ehrlich.
Warum Klarheit so wichtig ist
Osteopathie kann eine wertvolle Ergänzung zur Schulmedizin sein (*). Sie ist keine „Alternative“, sondern eine ergänzende, manuelle Medizin, die Beweglichkeit, Versorgung und Regulation im Körper unterstützt. Damit sie diesen Anspruch auch erfüllt, braucht es gut ausgebildete Therapeuten, und informierte Patienten, die wissen, worauf sie achten können. Je klarer das Berufsbild wird, desto mehr Vertrauen kann entstehen, auch zwischen Ärzten, Therapeuten und Patienten. Und genau das ist letztlich im Sinne aller, die Osteopathie als verantwortungsvolle medizinische Behandlungsform verstehen.
Fazit
Mir ist bewusst, dass die Osteopathie ein breites Spektrum abdeckt, von sehr fundiert bis sehr frei interpretiert. Für mich persönlich gehört sie zur Medizin. Ich verstehe sie als manuelle, wissenschaftlich begründete Arbeit, die den Körper in seiner natürlichen Funktion zu unterstützt.
Energiearbeit, mentale oder sanfte Techniken dürfen dabei durchaus ihren Platz haben, als ergänzendes Beiwerk, wenn sie den therapeutischen Prozess sinnvoll unterstützen. Sie ersetzen jedoch keine fundierte Untersuchung, kein anatomisches Verständnis und keine gezielte manuelle Behandlung. Patienten dürfen erwarten, dass ihre Osteopathie auf soliden Grundlagen steht, mit Ehrlichkeit, Klarheit und Respekt gegenüber dem Körper und dem Menschen, der ihn bewohnt.
(*) Zitat frei nach Michael Ende‘s ‚Eine unendliche Geschichte‘: „Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden!“
